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Entwicklungsökonomie – Grundlagen

3.1 Produktionstheoretische Grundlagen 3.2 Kapitalakkumulation 3.3 Wachstumstheorien 3.4 Kapitalgüter 3.5 Technischer Fortschritt

3.4 Der arbeitssparende und produktivitätssteigernde Effekt von Kapitalgütern

Wir wollen uns an einem Modellbeispiel die Funktion von Kapitalgütern innerhalb einer Wirtschaft verdeutlichen. Wir nehmen an, es gäbe zwei Länder, die mit unterschiedlichen Techniken dieselbe Menge eines Produktes, nämlich Mehl, erzeugen. Alle anderen Voraussetzungen sollen gleich sein.

Land A verwendet zum Mahlen des Getreides eine vollautomatische Getreidemühle, die keinerlei Bedienung bedarf, aber nach einem Jahr verschlissen ist und durch eine neue ersetzt werden muß.

Land B mahle Getreide mit einer Primitivtechnologie, z.B. mit den überall im Lande herumliegenden Steinen.

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Die Länder unterscheiden sich dadurch in ihrer Produktionsstruktur. Land B hat keinen Kapitalgütersektor: Die Mahlsteine sind als natürliche Ressource im Überfluß vorhanden. Land A hat für die Herstellung der vollautomatischen Mühle einen entwickelten Kapitalgütersektor mit all den notwendigen Zulieferindustrien, wie Bergbau, Gießereien, Walzwerke, Maschinenbau, Ausbildungsinstitutionen.

Wenn wir Außenhandel ausschließen und weiterhin annehmen, daß beide Länder das Mehl zu den gleichen Produktionskosten (= Preis) erzeugen, ergibt sich daraus, daß in beiden Fällen die für eine bestimmte Outputmenge aufgewendete Arbeitszeit gleich hoch ist. Das heißt aber auch, daß beide Länder gleich reich sind, denn ihnen steht diesselbe Menge an Mehl zum gleichen Preis zur Verfügung.

Im Land B wird die gesamte Arbeitszeit unmittelbar beim Mahlen aufgewendet, d.h. in der "Konsumgüterindustrie". Im Land A fällt auf dieser Stufe keine Arbeit an; die gesamte Arbeitszeit wird im Kapitalgütersektor, nämlich bei der Herstellung der vollautomatischen Mühle, aufgewendet. In Land A hat gegenüber Land B eine "Verschiebung" der Arbeit stattgefunden. Marx beschreibt einen derartigen Sachverhalt mit folgenden Worten:

"Es ist klar, daß ein bloßes Deplacement der Arbeit stattfindet, also die Gesamtsumme der zur Produktion einer Ware erheischten Arbeit nicht vermindert oder die Produktivkraft der Arbeit nicht vermehrt wird, wenn die Produktion einer Maschine so viel Arbeit kostet, als ihre Anwendung erspart." (Marx)

Wir können also festhalten, daß durch die Einführung von Maschinen eine "Verschiebung" der gesamtwirtschaftlichen Arbeitszeit auf konsumtionsfernere Bereiche der gesellschaftlichen Produktion stattfindet.

Obwohl gegenwärtig beide Länder über das gleiche Pro-Kopf-Einkommen verfügen, hat Land A doch die weit besseren Aussichten auf eine Steigerung seines Einkommens: Die vorhandenen Kenntnisse in Verbindung mit der aufgebauten Kapitalgüterindustrie versprechen weitere Produktivitätsfortschritte in der Zukunft. Das arbeitsintensiv "mahlende" Land ist dageben in einer Sackgasse: Innovationen bei den Mahlsteinen sind nicht zu erwarten; der niedrige technisch-organisatorische Kenntnisstand macht technologische Neuerungen auch in anderen Bereichen unwahrscheinlich.

Unsere obigen Annahme, daß Land A und Land B bei gleichem Arbeitsaufwand die gleiche Gütermenge erzeugen, dürfte in der Realität kaum anzutreffen sein. Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß das "kapitalintensiv" produzierende Land A entweder mehr Getreide mahlt oder die gleiche Menge mit einer - gesamtwirtschaftlich - geringeren Arbeitszeitaufwand mahlt.

Denn Maschinen werden erst dann eingesetzt, wenn sie Arbeitszeit sparen. Marx sagt das so:

"Ausschließlich als Mittel zur Wohlfeilerung des Produkts betrachtet, ist die Grenze für den Gebrauch der Maschinerie darin gegeben, daß ihre eigne Produktion weniger Arbeit kostet, als ihre Anwendung Arbeit ersetzt." ..."Die Produktivität der Maschine mißt sich daher an dem Grad, worin sie menschliche Arbeitskraft ersetzt." (Marx)

In seiner Polemik gegen die Befürworter einer Angepaßten Technologie drückt A. Emmanuel diesen Sachverhalt kürzer aus: "Der Einsatz einer Maschine erhöht die Relation "Produkt/Arbeit"; ist dies nicht der Fall, so handelt es sich nicht um eine Maschine, sondern um ein Spielzeug."

Eine Maschine wird also in ihrer Anwendung Arbeitszeit oder Arbeitskräfte einsparen. Es entstehen jedoch neue Arbeitsplätze an der Stelle, wo die Maschine hergestellt, gewartet und repariert wird - eben im Kapitalgütersektor. Und wenn wir Marx und A. Emmanuel glauben wollen, wird jedoch mehr Arbeit eingespart als neu geschaffen, d.h. der Saldo wird negativ sein.

Heißt dies nun aber, daß der vermehrte Einsatz von Kapitalgütern oder der Einsatz von produktiveren Kapitalgütern eine Vernichtung von Arbeitsplätzen bedeutet? Dies wäre notwendigerweise nur der Fall, wenn das Produktionsvolumen aus irgendwelchen Gründen nach oben hin limitiert wäre. Doch wenn der realisierte Outputzuwachs höher ist als der Arbeitseinsparungseffekt, wird trotz der Einführung einer arbeitssparenden Technik ein positiver Saldo an Arbeitsplätzen bleiben.

Wenn beispielsweise durch die Einführung einer Maschine die Arbeitsproduktivität verdoppelt wird, bedeutet dies, daß die gleiche Menge Output mit der Hälfte der vorher eingesetzten Arbeitskräften erzeugt werden kann. Doch sollte es, etwa durch Kosten- und Preissenkungen, gelingen, die Outputmenge mehr als zu verdoppeln, werden gegenüber der Ausgangsituation mehr Arbeitskräfte benötigt. Falls die gesamtwirtschaftliche Nachfrage jedoch aus irgendwelchen Gründen nicht ausgedehnt werden kann, oder die investierbaren Überschüsse für die Finanzierung der neuen Techniken im breiten Umfang nicht ausreichen, führen derartige Produktivitätsfortschritte in eine Krise. Wenn, wie im Fall des Exports von Kaffee, das Produktionsvolumen eines Landes durch ein internationales Quotenabkommen limitiert ist, führt der Einsatz arbeitssparender Maschinen im Kaffeeanbau, -ernte oder verarbeitung zwangsläufig zu einer Reduktion von Arbeitszeit, und i.d.R. zu einem Abbau von Arbeitsplätzen.