Globalisierung und Wettbewerb

2.1 Verschiebungen 2.2 Standortkonkurrenz
der Regionen
2.3 Branchencluster 2.4 Symbolanalytische
Zonen
2.5. Regionale
Netzwerke
2.6 Humankapital
 

2.6 Humankapital als Standortfaktor und der "Zwang zur Aufwertung"

Das Wissen, die Geschicklichkeit, das Know-how und die Lernfähigkeit der erwerbsfähigen Bevölkerung gewinnen als Wirtschaftsfaktor zunehmend an Gewicht gegenüber dem Sachkapital. Das lässt sich empirisch belegen, auch wenn dieser Beleg aufgrund des Fehlens geeigneter Statistiken nicht einfach ist.

Die steigende Bedeutung des Humankapitals kann man im Verlaufe der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland in diesem Jahrhundert beobachten. Die Relation zwischen Sachkapital- und Humankapitalstock hat sich seit 1920 nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 4,5 zu 1 auf 2,2 zu 1 verringert.

Ende der 80er Jahre stand in Westdeutschland dem Wert des gesamten Sachvermögens in Form von Bauten, Ausrüstungen, Verkehrswegen usw. in Höhe von knapp 10 Billionen DM ein wirtschaftlicher Wert" des Humanvermögens aller Erwerbspersonen von knapp 4,5 Billionen DM gegenüber. Leider werden solche Berechnungen nicht systematisch vorgenommen und fortgeschrieben. Es ist davon auszugehen, dass das Gewicht des Humankapitalbestandes gegenüber dem Sachkapitalstock in der zukünftigen Informationsgesellschaft weiter deutlich zunehmen wird.

Quelle: Ewerhart Georg: Bildungsinvestitionen, brutto und netto. Eine makroökonomische Perspektive, in: Hartard, S./ Stahmer, C. (Hrsg.) (2002): Sozio-ökonomische Berichtssysteme, Marburg: Metropolis.

Pressemitteilung. Institut der deutschen Wirtschaft Köln Nr. 3 / 18. Januar 2005

 

Jahr (Sach-)Kapitalstock Mrd. DM Kapitalkoeffizient Kapitalintensität 100 DM
1960 3.031 3,5 116
1970 5.285 4,0 199
1980 7.873 4,6 292
1990 10.245 4,8 360
Quelle: Statistisches Bundesamt, Datenreport 1992, S. 270

Humankapital ist also kein statischer, sondern ein dynamisch sich entwickelnder Faktor. Wir haben gesehen, daß sich die Qualifikationsanforderungen an die Erwerbstätigen aufgrund des beschleunigten technischen Fortschritts und der wirtschaftlichen Tertiarisierungsprozesse ständig erhöhen. Die fortschreitende Wissensintensivierung der Beschäftigung zwingt zur permanenten Anpassung des Humankapitals auch auf der regionalen Ebene. Um im Standortwettbewerb nicht zurückzufallen und ihre Wettbewerbspositionen zu sichern und weiterzuentwickeln, sind die Regionen gehalten, ihre Humankapitalbestände kontinuierlich aufzuwerten, sprich Investitionen in Bildung und Ausbildung vorzunehmen. Dies erfordert eine Abkehr von der herkömmlichen Regionalpolitik, welche an der Förderung des Standortfaktors Sachkapital" ausgerichtet ist.

Das regionale Arbeitsvermögen muss nach den Erfordernissen des wirtschaftlichen und technologischen Wandels permanent umgeformt werden. Diese Veränderungen passieren in verschiedenen Regionen unterschiedlich schnell. Regionen mit langsamen Veränderungsprozessen fallen im Wettbewerb zurück. Die Regionen, denen die Qualifizierungsprozesse am ehesten und am besten gelingen, können ihre Position im regionalen Standortwettbewerb ausbauen. "Intelligente" Regionen bzw. deren regionalpolitische Instanzen werden versuchen, Veränderungen des regionalen Arbeitsvermögens möglichst vorausgreifend in die Wege zu leiten, um damit selbst Anreize und Impulse für den wirtschaftlichen Strukturwandel zu setzen.

Andererseits gibt es Regionen, in denen der Wandel des Arbeitsvermögens verhältnismäßig langsam erfolgt. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Viele Beschäftigte waren oder sind in einigen Regionen noch lange Zeit in herkömmlichen Branchen mit obsoleten Qualifikationen gebunden, so dass Umschulungen und Andersqualifizierungen schwierig sind, vielleicht sogar auf Widerstände stoßen und deshalb Zeit brauchen. Umqualifizierungsprozesse sind um so schwieriger, je höher der Altersdurchschnitt der Arbeitskräfte ist und je weniger das Bewusstsein der regionalen Bevölkerung über die Erfordernisse struktureller Wandlungen entwickelt ist. Weitere Gründe können im Fehlen einer geeigneten regionalen Weiterbildungsinfrastruktur, in personellen Engpässen in diesem Bereich oder in fehlenden unternehmerischen und politischen Initiativen zur Fort- und Weiterbildung liegen.

Ablesen kann man die strukturelle Anpassungsfähigkeit von Regionen an verschiedenen Indikatoren: am Wandel der regionalen Branchenstruktur in Richtung vermehrter Dienstleistungsproduktion, sowie an der Tertiarisierung der Industrieproduktion. Darüber hinaus geben die Veränderungen des regionalen Humankapitalbestandes selbst Auskunft über das Tempo der Anpassung des regionalen Arbeitsvermögens. Wichtig sind hierbei vor allem folgende Trends:


Quelle: Welsch, Johann: Globalisierung, neue Technologien und regionale Qualifizierungspolitik. Welche Regionen sind die "Gewinner" der Informationsgesellschaft? Marburg 2000