Aufmerksamkeit. Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

© h.zell

6.1 Jäger und Gejagte 6.2 "In Stahlgewittern" 6.3 Sich von der Welt abwenden 6.4 Vergangenheit 
und Zukunft
6.5 ADD

 

6.2 Ernst Jünger. In Stahlgewittern

Im Krieg werden die Menschen in lebensgefährliche Situationen hineingezwungen, und manche sind trotz aller erlebten Schrecken, Beschwernisse und Schmerzen davon fasziniert. Berichte über das subjektive Erleben haben wir nur von denen, die diese Gefahrensituationen überlebt haben.

Der Krieg zeichnet sich dadurch aus, daß die Akteure gleichzeitig Jäger und Gejagter sind. Die hellwache Aufmerksamkeit wird gefordert, eine Kombination aus wacher (und konzentrierter Aufmerksamkeit (Was macht der Gegner? Wo lauert die Gefahr? Die Kampfsituation ist von schnellen Feedbacks und einem hohen Risiko geprägt. Das beschreibt Ernst Jünger in seinem Buch „In Stahlgewittern“, aus dem die folgenden Auszüge entnommen sind.

„Ob ein Zug vorbeirasselte, ein Buch zu Boden fiel, ein nächtlicher Schrei ertönte – immer stockte der Herzschlag für einen Augenblick unter dem Gefühl einer großen und unbekannten Gefahr. Es war ein Zeichen dafür, daß man vier Jahre lang im Schlagschatten des Todes stand. So tief wirkte das Erlebnis in dem dunklen Land, das hinter dem Bewusstsein liegt, daß bei jeder Störung des Gewöhnlichen der Tod als mahnender Pförtner in die Tore sprang wie bei jenen Uhren, über deren Zifferblatt er zu jeder Stunde mit Sandglas und Hippe erscheint.“ (S. 10)

„Unvergesslich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näherkommende Rauschen der fremden Füße im hohen Gras nimmt eine unheildrohende Stärke an. Der Atem geht stoßweise; man muß sich zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate. Der Zusammenprall wird kurz und mörderisch sein. Man zittert unter zwei gewaltigen Gefühlen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen, entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet.“ (S. 80)

„Übrigens war dieser schwere süßliche Hauch nicht lediglich widerwärtig; er rief darüber hinaus, eng mit den stechenden Nebeln des Sprengstoffs vermischt, eine fast hellseherische Erregung hervor, wie sie nur die höchste Nähe des Todes zu erzeugen vermag. Ich machte hier, und während des ganzen Krieges eigentlich nur in dieser Schlacht, die Beobachtung, daß es eine Art des Grauens gibt, die fremdartig ist wie ein unerforschtes Land. So spürte ich in diesen Augenblicken keine Furcht, sondern eine hohe und fast dämonische Leichtigkeit; auch überraschende Anwandlungen eines Gelächters, das nicht zu bezähmen war“ (S.105)

„Nun hatte es mich endlich erwischt. Gleichzeitig mit der Wahrnehmung des Treffers fühlte ich, wie das Geschoss ins Leben schnitt. Schon an der Straße vor Mory hatte ich die Hand des Todes gespürt – diesmal griff er fester und deutlicher zu. Als ich schwer auf die Sohle des Grabens schlug, hatte ich die Überzeugung, daß es unwiderruflich zu Ende war. Und seltsamerweise gehört dieser Augenblick zu den ganz wenigen, von denen ich sagen kann, daß sie wirklich glücklich gewesen sind. In ihm begriff ich, wie durch einen Blitz erleuchtet, mein Leben in seiner innersten Gestalt. Ich spürte ein ungläubiges Erstaunen darüber, daß es gerade hier zu Ende sein sollte, aber dieses Erstaunen war von einer sehr heiteren Art. Dann hörte ich das Feuer wieder schwächer werden, als sänke ich wie ein Stein tief unter die Oberfläche eines brausenden Wassers hinab. Dort war weder Krieg noch Feindschaft mehr.“ (Jünger, Ernst, In Stahlgewittern, Klett-Cotta Stuttgart 1976, S. 317) 

Die helle Wachsamkeit ist ein Bedürfnis des Menschen. Das macht den Krieg bei all seinen Schrecken offenbar für manche Menschen reizvoll. Der Nachteil: Man kann diesen Zustand nur unter Lebensgefahr haben. Die Gefahr als eine Droge, besonders für solche Menschen, deren Aufmerksamkeit im Alltag zerfasert und innerlich instabil ist. Thewleit nennt diesen Charaktertyp in „Männerphantasien“ den „Nicht-Zuende-Geborenen“, einen innerlich instabilen, nicht gereiften Mann, der die externe Stabilisierung durch die Gruppe, durch die Einbindung in eine straffe Struktur benötigt. Dieses Korsett bieten militärische und paramilitärische Verbände. Dieser Bedürfnis einzelner Menschen (Männer) nach Gefahrensituationen und in der Einbindung in Männerbrüderschaften unter straffer Disziplin ist sicherlich nicht kriegsverursachend, ist jedoch ein fördernder psychologischer Faktor für das Zustandekommen von Kriegshandlungen. Dieser Menschentyp des Nicht-zuende-Geborenen gründete unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg die Freikorps, aus denen dann die national-sozialistische Bewegung hervorging. Diese Kreise verherrlichten zwar durchaus den Kampf und den Kampfeswillen, rechtfertigten jedoch die Notwendigkeit eines Krieges nicht mit der Lust am Kampf. Dazu bemühten sie höhere Werte, wenn auch auf ethisch vorkonventioneller Ebene, wie der Sicherheit, Schutz und Ruhm der Volksgemeinschaft.

Unpolitisch und nicht aggressiv ist eine andere Art lebensgefährliche Tätigkeit, nämlich das Bergsteigen (z.B. Reinhold Messmer). Ein Leben auf Messers Scheide. Dort ist es auch der externe Zwang zu hochgradig konzentrierter Aufmerksamkeit. Die Gefahr ist hierbei der tödliche Absturz. Während in der Kriegssituation der individuelle Gefahrengrad weitgehend nicht dosiert werden kann, besteht beim Bergsteigen und anderen Risikosportarten die Möglichkeit, durch die Wahl des Berges, der Jahreszeit, die Menge und Qualität der Ausrüstung oder durch die Zusammensetzung des Teams den Schwierigkeitsgrad in einem weiten Bereich frei zu wählen.