Aufmerksamkeit. Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

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4.1 Quellen der Wahrnehmung 4.2 Die Sinneswahrnehmung 4.3 Die Körperwahrnehmung 4.4 Die Gedächtnis-
wahrnehmung
4.5 Überblicks- und Metaaufmerksamkeit

 

4.4 Die Gedächtniswahrnehmung

 

Bei der oben dargestellten Modellvariante der „reinen“ Gedächtniswahrnehmung werden Gedächtnisinhalte ins Bewusstsein geholt, leuchten auf, werden bearbeitet, werden neu verknüpft und verändert wieder abgespeichert. Der Körper ist nicht beteiligt, d.h. es handelt sich um emotionsfreies Nachdenken. Auch kommen keine Sinneseindrücke dazu. Es handelt sich also nicht um Arbeiten, das immer eine Kopplung von Außenwelt und Innenwelt voraussetzt.

Im Gedächtnis werden Erfahrungen und Wissen gespeichert, und zwar über das, was der Mensch seit seiner Geburt (möglicherweise sogar schon vorher) wahrgenommen und gelernt hat. Das Gedächtnis ist damit unser wichtigste Quelle der Wahrnehmung. Das Gedächtnis ist notwendig, um überhaupt eine Vergangenheit zu haben. Eine Amöbe hat nur genetisch festgelegte Verhaltensmuster, aber kein Gedächtnis und lebt daher zwangläufig immer in der Gegenwart.

Wir unterscheiden zwischen dem deklarativen und dem prozessualen Gedächtnis. Die Aufmerksamkeit steuert sowohl den Abruf von Wissensinhalten aus dem deklarativen Gedächtnis als auch die Aktivierung prozessualer Fähigkeiten und ihren Einsatz in der gegenwärtigen Situation. Die Aufmerksamkeit selbst ist Teil des prozessualen Gedächtnisses. Durch Wahrnehmungserfahrungen und gezieltes Lernen kann der Mensch sein deklaratives und prozessuales Gedächtnis erweitern, weit mehr als andere Primaten. Dadurch wird der Mensch anpassungs- und entwicklungsfähig.


Zwei Grundfunktionen des Gedächtnisses lassen sich unterscheiden:

1. Das Abspeichern von Wissen und Fähigkeiten in das Gedächtnis. Der Vorgang des Abspeicherns neuer Information wird als Lernen bezeichnet. Durch den vorangegangenen Selektionsprozess geht das meiste an Information verloren. Wir bewahren in unserer Erinnerung also nur solche Dinge, die uns für unser Leben irgendwie bedeutsam erscheinen. Die Beurteilung, ob etwas wichtig sein könnte, erfolgt durch Vergleich mit Bekanntem. Man ordnet also Neues bereits Gelerntem zu. Da diese Zuordnung im Wesentlichen in der Großhirnrinde erfolgt, nennt man diesen Gehirnteil oft auch assoziativen Cortex. Beim Gedächtnistraining geht es hauptsächlich um die Verbesserung dieser Funktion: Wie speichere ich besser, so dss ich mich besser erinnern kann.

Das Gedächtnis speichert nicht nur Wissen und Information („Wie heißt die Hauptstadt von Belgien?“), sondern auch Prozessstrukturen für Handlungen, kognitive Operationen und natürlich auch die Prozessmuster unserer Aufmerksamkeit. Das Gedächtnis ist also kein passiver Informationsspeicher, sondern bestimmt die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.

2. Das Aufrufen und Aktivieren von Wissen und Fähigkeiten aus dem Gedächtnis.


Es ist die Aufmerksamkeit, die mal diese, mal jene Gedächtnisinhalte aufruft. Die im Gedächtnis gespeicherten Eindrücke vergangener Ereignisse sie sind entweder mit positiven, negativen oder neutralen Gefühlen verknüpft. Kommen wie wieder ins Gedächtnis, kommen die damaligen Gefühle wieder (Assoziationen). Manchmal holt die Aufmerksamkeit vermehrt negative Inhalte, und die positiven Inhalte bleiben unangefordert. Auch wird zwischen „Innen“ und „Außen“ hin und her geschaltet. Wenn die Umwelt wenig attraktive Reize bietet, tendiert unsere Aufmerksamkeit dazu, sich den dann größeren Attraktionen in unserer inneren Welt zuzuwenden. Durch eine intensive Beschäftigung mit Gedächtnisinhalten wird die Umwelt als Störung ausgeschaltet. Dies kann sinnvoll sein, etwa um gegenwärtig anstehende Aufgaben und Probleme zu durchdenken. Allerdings kann eine anhaltende und starke Innenorientierung den Blick auf die Außenwelt trüben.