Aufmerksamkeit. Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

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4.1 Quellen der Wahrnehmung 4.2 Die Sinneswahrnehmung 4.3 Die Körperwahrnehmung 4.4 Die Gedächtnis-
wahrnehmung
4.5 Überblicks- und Metaaufmerksamkeit

 

4.1 Die Quellen der Wahrnehmung - Überblick

Wahrnehmung braucht eine sensorische Ausstattung. Nur so ist der Zugang zur Objekt- und Ereigniswelt möglich. Notwendig und beim Menschen vorhanden ist ferner eine Motorik, die dafür sorgt, dass aktiv Erfahrungen im Umgang mit Objekten gemacht werden können. Man kann den Ort wechseln, Objekte ertasten, kann sie betrachten, sie mit den Händen bearbeiten, man kann den Kopf drehen, die Augen bewegen. Menschen beobachten meist nicht um der Beobachtung willen, sondern die Beobachtungen haben ein Ziel, das aktiv durch Handlungen angestrebt wird.

Von Geburt an ist der Mensch mit seinen fünf Grundsinnen ausgestattet, die für ihn das "Fenster zur Welt" bedeuten. Je nach gesellschaftlicher Prägung werden einige unserer Sinne mehr, andere weniger beansprucht und trainiert. Alle Sinne geben nur einen kleinen Ausschnitt aus der großen Vielfalt der physikalischen Welt wieder. Allein schon durch den Bau und die Funktion unserer Sinnesorgane werden viele der Geschehnisse der Umwelt ausgeblendet.

Wir sehen in der nachstehenden Abbildung drei Kreisläufe: Bewusstseinsinhalte werden aus allen drei Quellen Sinne, Körper und Gedächtnis ins Bewusstsein geholt. Dies geschieht im Wechsel.

Auf der Zeitachse sind die Objekte der Aufmerksamkeit als Blöcke dargestellt. Ihre Breite macht ihre unterschiedliche Zeitdauer deutlich, die Intensität der Aufmerksamkeit zeigt sich in der Höhe der Blöcke.

Abb.: Grundmodell. Die drei Quellen der Wahrnehmung

Die Pfeile symbolisieren Steuerungsvorgänge, und zwar in beiden Richtungen: Einmal von den Wahrnehmungsquellen zur Aufmerksamkeit. Zum andern von der Aufmerksamkeit zu den Quellen.

Die Aufmerksamkeit fungiert hier als die zentrale Steuerungsinstanz. Sie entscheidet, welche Eindrücke aus welchen Quellen ins Bewusstsein einrücken. Zum andern steuert sie die Quellen, etwa in der Weise, daß sie entscheidet, welche Inhalte im Gedächtnis gespeichert werden und steuert die Körpermotorik.

Üblicherweise laufen Steuerungs- und Wahrnehmungsvorgänge in schneller Folge zeitlich hintereinander ab, in dieser Weise vermitteln sie den subjektiven Eindruck der Mischung. Drei Quellen im schnellen Wechsel im Bewusstsein zu haben, geht mit Nervosität einher. Es erfordert mehr Energie als nur eine oder zwei Quellen.

Bewusstseinsinhalte kommen von diesen drei Quellen, doch nicht immer mit der gleichen Intensität. Zu bestimmten Zeitpunkten werden nur Inhalte aus einer oder aus zwei Quellen im Bewusstsein abgebildet und die dritte Quelle tritt in den Hintergrund.

Eins ist jedoch klar: Auf dem Bildschirm ist nur begrenzt Platz, d.h. unsere Wahrnehmungsfähigkeit ist begrenzt und wir können immer nur einen Inhalt zu einem Zeitpunkt in aller Klarheit wahrnehmen. Die drei Quellen konkurrieren daher um einen Platz im Bewusstsein. Das gibt der Aufmerksamkeit die Aufgabe, die wichtigen und relevanten Inhalte – nach welchen Kriterien auch immer – auszuwählen.


Die drei Quellen der Wahrnehmung unterscheiden sich in ihrem Charakter: 

Das Gedächtnis ist vielfältig und komplex, enthält eine Fülle an Informationen und Gefühlen, dadurch unstet. Die Aufmerksamkeit wird leicht steuer- und orientierungslos, etwa wenn sich aus dem großen Reservoir des Gedächtnisses lange Assoziationsketten bilden.

Die Sinne:  Man kann sich die Umgebung auswählen und kann so eine Vorauswahl treffen. An einem gegebenen Ort steuert die Aufmerksamkeit die Selektion.

Die Eindrücke, die vom Körper kommen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie langsam und kontinuierlich sind. Es gibt keine schnellen Wechsel wie beim Gedächtnis und  bei den Sinnen. Deshalb auch für Beruhigung und Meditation gut geeignet. Von den Körperwahrnehmungen abgekoppelt zu sein, führt zu Haltlosigkeit, man ist im Kopf und unstabil. Ruhe findet man im Bauch.