Aufmerksamkeit. Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

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3.1 Selektieren 3.2 Kybernetik und Regelkreis 3.3 Zwei Systeme interagieren 3.4 Triviale und nicht-triviale Maschinen 3.5 Autopoiesis und Aufmerksamkeit

 

3.5 Autopoiesis und Aufmerksamkeit

Die Theorie der Autopoiesis geht davon aus, dass lebende Systeme operational geschlossene, d.h. autonome Systeme darstellen. Das heißt, sie sind durch Eingriffe von Außen nicht unmittelbar steuerbar. Das System ist zwar durch seine „strukturelle Kopplung“ mit der Außenwelt beeinflussbar: Es reagiert auf Irritationen aus der Umwelt – aber gemäß seiner eigenen Struktur. Die Umwelt kann das System also nicht kausal beeinflussen.

Nach Maturana und Varela ist unser Nervensystem ein operational geschlossenes System. Das Nervensystem sei ein Mechanismus miteinander vernetzter Kreisläufe, der jene inneren Zustände, die für die Erhaltung der Organisation als Ganzes verantwortlich sind, konstant hält (Gripp-Hagelstange, S. 38). Das Nervensystem als Teil des Organismus operiere somit strukturdeterminiert. Mit der Umwelt steht es über eine strukturelle Kopplung in Kontakt. Die Umwelt kann Veränderungen im System nur auslösen, aber nicht bestimmen (Maturana, Humberto, R./Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. S. 145).

Über dieses Angekoppeltsein wirken Reize aus der Umwelt auf das Gehirn, die als Irritationen erfahren werden und wodurch systemstruktureigene Operationsweisen angestoßen werden. (Gripp-Hagelstange, Helga: Niklas Luhmann. Eine Einführung. 2. Auflage, München 1997, S. 37)

Das Nervensystem befindet sich auf der Grundlage von vielfältigen inneren Zyklen neuronaler Interaktionen in permanenter Veränderung. Diese immense Aktivität wird von Veränderungen in der sensorischen Fläche durch Perturbationen (Störungen) überlagert und moduliert, die vom Organismus unabhängig sind, wie zum Beispiel vom Druck auf die Haut. Als Beobachter sind wir gewohnt, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was uns am leichtesten zugänglich ist, also auf die äußeren Perturbationen, und wir sind geneigt zu glauben, dass diese der determinierende Faktor seien. Dennoch können solche äußeren Perturbationen nur die inneren sensomotorischen Vorgänge modulieren.“ Maturana, Humberto, R./Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis, S. 176f.)

So wirkt eine Projektion auf die Netzhaut: wie eine Stimme (Perturbation), welche zu den vielen Stimmen bei einer heftigen Diskussion in einer großen Familie hinzukommt, wobei der schließlich erreichte Konsens über die zu unternehmenden Aktionen nicht Ausdruck dessen ist, was die Familienmitglieder im einzelnen vorgebracht haben. (Maturana, Humberto, R./Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis, S. 178)

Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld stellen in ihrem Gespräch - unter Bezugnahme auf Ceccate - die Aufmerksamkeit so dar: Grundoperationen sind die Momente der Aufmerksamkeit. Momente der Bewegung, wenn die Aufmerksamkeit sich von einem Begriff zu einem anderen verschiebt. Begriffe werden durch Aufmerksamkeitsbewegung, die einzelne Momente verbindet, geschaffen. die Aufmerksamkeit kann man sich vorstellen als eine Art Scheinwerfer, der etwas beleuchtet, in einer pulsierenden Art und Weise, als ein gleichmäßiger Rhythmus von Momenten. Die Momente, die so entstehen, können mit Impulsen im Sensorium zusammenfallen oder nicht. Fallen sie mit einem Impuls zusammen, dann sind das fokalisierte Momente, wenn nicht, freie Momente. Die Folge von fokalisierten und nichtfokalisierten Momenten bildet die unterste Ebene im Aufbau der Begriffe. Statt auf Impulse des Sensoriums können Aufmerksamkeitsmomente auch auf Stücke dieser ersten Ebene fallen. Das wäre das, was wir Abstraktion nennen (Foerster, Heinz von/Glasersfeld, Ernst von: Wie wir uns erfinden., S. 49f.)