Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

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2.1 Der Geist- Körper Zusammenhang 2.2 Aus "Klicks" Wahrnehmungen machen 2.3 Dualismus 2.4 Der Thalamus 2.5 Gefühle entstehen

 

2.3  Der Geist-Körper Dualismus

Der klassische Dualismus geht von einer wesensmäßigen Verschiedenheit von Gehirn und Geist aus. Danach wurde die Parallelität zwischen Geist und Gehirn von einem höheren Wesen eingerichtet, ohne daß irgendeine Wechselwirkung zwischen beiden stattfindet.

Für den reduktionistische Identismus ist der Geist ein neurobiologischer Zustand. Der echte neurobiologische Reduktionismus geht davon aus, dass psychische Phänomene ihrem Wesen nach nichts anderes sind als feuernde Nervenzellen.

Abb.: Kopplung zwischen Gehirn und Bewusstsein

 

Nach dem emergenztheoretischen Materialismus entstehen zwar mentale Phänomene als Systemeigenschaften aus neuronalen Prozessen, sie lassen sich aber nicht auf die physikalischen, chemischen und physiologischen Eigenschaften von Nervenzellen reduzieren. Aus der unendlichen Modulation der Zustände der Nervenzellen resultiert ein Phänomen, das einerseits nichts anderes ist als die Darstellung dieser neuronalen Bewegungszustände, das andererseits aber die neuronalen Prozesse auch transzendiert. Aus dem neuronalen Geschehen emergiert also ein Phänomen, das mit den Operationen des Gehirns gleichzusetzen und nicht gleichzusetzen ist.

Der Epiphänomenalismus konstatiert eine eindeutige Kopplung zwischen bestimmten neuronalen Prozessen einerseits und subjektiv erlebten Bewusstseinprozessen andererseits [Gerhard Roth, S. 293f.]. Diese Kopplung habe aber keinerlei Bedeutung, denn das Erleben ist ein nutz- und wirkungsloses Beiwerk, ein Epiphänomen (Begleiterscheinung). Kausal wirksam seien allerdings einzig und allein die neuronalen Prozesse. Für den englischen Biologen und Philosophen Thomas Huyley (1825 – 1895) zum Beispiel war Geist wie ein Tuten der Dampf-Pfeife einer Lokomotive. Es wird durch den Dampfmaschinenmechanismus hervorgebracht, wirkt aber nicht auf diesen zurück. Entsprechend sei für die kognitive Prozesse in unserem Gehirn dieses subjektive Erleben bedeutungslos. Wir erleben zwar diese Zustände, doch dieses Erleben bewirkt nichts. Es findet also eine Kommunikation nur in einer Richtung statt.

Abb.: Der Epiphänomenalismus. Das Bewusstsein – das Ende einer Einbahnstraße?

 

Träfen die Aussagen des Epiphänomenalismus zu, wäre unsere Willensfreiheit eine reine Illusion. Denn dann würden die Nervenzellen unseren Willen bestimmen. Und wenn unser Bewusstsein meint, eine Entscheidung zu treffen, nimmt es nur wahr, was die kleinen Nervenzellen schon erledigt haben. Eine irritierende Vorstellung.

Rudolf Augstein äußerst sich in einem Interview über die Zwangsläufigkeit der Geschichte. Und zwar wird ihm folgende Frage gestellt: „In der schon erwähnten Rede in Tutzing sprachen Sie auch über die Zwangsläufigkeit von Geschichte. Der Mensch bestimme nicht selbst, was er tut. Ein Ausspruch von Theodor Heuss, den sie häufig zitieren, heißt: Wir sind nur Zuschauer unseres Schicksals.“ Augstein antwortet darauf: „Ich gehe davon aus, daß der Mensch nicht das tut, was er will, sondern an dem, was er tut, erkennt, wer er ist. Er braucht aber, um zu überleben und wirken zu können, die Selbsttäuschung, er könne so oder so entscheiden.“ (Interview mit Rudolf Augstein in: Die Zeit, 15.10.1999)