Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

© h.zell

1.1 Was ist 
Aufmerksamkeit?
1.2 Bewusstsein
und Wahrnehmung 
1.3
 Unbewusstes
1.4 
Steuerung der Wahrnehmung
1.5 Aufmerksamkeit
als prozessuales Gedächtnis 

 

1.5 Aufmerksamkeitsmuster sind Teil des prozessualen Gedächtnisses

Im deklarativen Gedächtnis sind Wissensinhalte gespeichert, wie „Wie heißt die Hauptstadt von Frankreich?“ oder „Wie groß ist der Abstand des Monds von der Erde?“ Deklarative Gedächtnisinhalte sind insofern immer unbewusst, als sie üblicherweise nicht im Bewusstsein stehen. Sie können aber bei Bedarf aktualisiert werden. Dabei gibt es Inhalte, die sehr leicht und schnell an die Oberfläche kommen, z.B. „Wie heiße ich?“, während andere Inhalte eine Zeit des Nachdenken erfordern, und andere vollständig vergessen worden sind.

Im prozessualen Gedächtnis sind ererbte oder erlernte Verhaltensmuster gespeichert, wie z.B. Gehen, Schreiben, Fahrradfahren und natürlich auch Aufmerksamkeitsverhalten. Prozessuale Gedächtnisinhalte werden im Alltagsgeschehen in der Regel nicht bewusst. Das Gehen, Stehen, Sprechen geht üblicherweise automatisch und unbewusst (nicht die Inhalte des Sprechens, aber die Technik des Sprechens. Ich muss mir nicht überlegen, wie ich meine Zunge bewegen muss um ein „O“ zu sprechen).

Aufmerksamkeitsprozesse laufen somit weitgehend unbewusst ab. Wir können sie jedoch ins Bewusstsein holen, indem wir sie aufmerksam beobachten. Vergleichbar damit können wir auch unsere einzelnen Schritte beobachten, wie und wann heben wir den einen Fuß, wo befindet sich da der andere, wie treten wir auf, welche Bewegung machen wir dazu mit dem Körper. All das ist gespeichert, aber uns nicht bewusst, so dass wir es noch nicht mal beschreiben könnten.

Abb.: Bewusste und unbewusste Aufmerksamkeit

Entsprechend obiger Unterscheidung habe wir es also mit zwei Formen des Unbewussten zu tun:

a)       Wir sind uns bestimmter Gedächtnisinhalte nicht bewusst.

b)       Wir sind uns unserer Aufmerksamkeitsmuster nicht bewusst.

Für die Aufmerksamkeit bedeutet dies, dass wir uns dieser Muster bewusst werden müssen, um sie willentlich steuern zu können. 

Die Aufmerksamkeit von unbewusst-unwillentlich bis bewusst-willentlich

 

Bewusst

unbewusst

Willentlich

Man muss sich seiner Aufmerksamkeit bewusst sein, um sie willentlich steuern zu können.

Ist man sich der Aufmerksamkeit nicht bewusst, lässt sie sich auch nicht bewusst steuern.

unwillentlich

Bewusste Wahrnehmung der unwillentlichen und automatischen Aufmerksamkeit

Dies ist der Normalfall im Alltag

Besonders gering ist die Möglichkeit, willentlich auf die instinktgeprägten Teile der Aufmerksamkeit Einfluss zu nehmen. Auch nach Tausenden von Jahren zivilisatorischer Prozesse sind sie wirksam. Wir können sie uns allerdings bewusst machen. Diese instinktgesteuerte Aufmerksamkeit spricht etwa auf sexuelle Reize an, aber auch werden bestimmte Gefahrensignale stark mit Aufmerksamkeit bedacht. 

Allerdings ist diese Form der genetisch oder instinktiv gesteuerten Aufmerksamkeit beim Menschen weniger bedeutsam als bei den Tieren. Bei ihnen sind die Mechanismen der Aufmerksamkeit, etwa die Selektionskriterien, weitgehend festgelegt. Die Sinnesorgane der Tiere wählen aus den vielfältigen Ereignissen einer komplexen Umwelt bestimmte Schlüsselreize aus. Diese Reize führen über den instinktgesteuerten Reiz-Reaktionsmechanismus zu einem genetisch oder durch Prägung festgelegten Verhalten. Zwar selektiert auch die menschliche Aufmerksamkeit aus einer komplexen Umwelt nur bestimmte Informationen und Ereignisse heraus. Aber die Selektion ist weniger instinktmäßig, sondern stärker sozial geprägt. Auch führen die wahrgenommenen Daten nicht zu einer festgelegten Reaktion, sondern durchlaufen komplizierte und komplexe Prozesse der kognitiven Verarbeitung und Aufarbeitung.[1] Menschen können deshalb Verhalten lernen, so auch Aufmerksamkeitsverhalten. Aufmerksamkeitsmuster werden erlernt.

Manche Autoren sprechen davon, dass nach dem vierten Lebensjahr die grundlegenden psychischen Strukturen weitgehend festgelegt sind. Nun kann es sein, dass diese in früher Kindheit erlernten Verhaltens- und Sichtweisen, so auch das Aufmerksamkeitsverhalten späteren Lebenssituationen nicht angemessen ist. Aber ein Umlernen im Erwachsenalter ist schwierig.

„Diese Konstruktionen sind aber nicht willkürlich, sondern vollziehen sich nach Kriterien, die teils angeboren, teils frühkindlich erworben wurden oder auf späterer Erfahrung beruhen. Insbesondere sind sie nicht unserem subjektiven Willen unterworfen. Dies macht sie in aller Regel zu verlässlichen Konstrukten im Umgang mit der Umwelt.“[2]



[1] vgl. Willke, 1982, S. 25

[2] Roth, Gerhard: Das Gehirn ..., S. 125