Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

© h.zell

1.1 Was ist 
Aufmerksamkeit?
1.2 Bewusstsein
und Wahrnehmung 
1.3
 Unbewusstes
1.4 
Steuerung der Wahrnehmung
1.5 Aufmerksamkeit
als prozessuales Gedächtnis 

 

1.4 Aufmerksamkeit ist die Steuerung der Wahrnehmung

Soll unter dem Begriff Aufmerksamkeit ein Prozess oder ein Zustand verstanden werden? In der Literatur lassen sich beide Definitionen finden, die mitunter selbst innerhalb eines Aufsatzes durcheinander gehen. So kann leicht ziemliche Verwirrung entstehen.

Vom Verständnis her lässt sich unterscheiden:

  1. Aufmerksamkeit als eine besonderer Zustand des Bewusstseins, etwa besonders wachsam, konzentriert. Bei dieser Definition fehlt uns dann ein Begriff für die Funktion, die diese Zustände herbeiführt und bewirkt.
  2. Aufmerksamkeit als Prozess. Aufmerksamkeit ist nach diesem Verständnis der Prozess der Steuerung und Regelung der Wahrnehmung, die in ihrem Ergebnis zu bestimmten Bewusstseinszuständen führt. Wir verwenden diese Begriffsbestimmung.
Abb.: Aufmerksamkeit als Prozess und als Ergebnis

Es ist die Aufmerksamkeit, die die Wahrnehmung steuert und die Eindrücke selektiert. Doch wie erfolgt die Selektion? Nach welchen Kriterien werden die Objekte der Wahrnehmung gewählt und nach welchen Mechanismen erfolgt die Aufmerksamkeitssteuerung? Die Aufmerksamkeit bestimmt, ob jetzt eine Erinnerung oder ein äußerer Eindruck auf die Leinwand geholt wird, sie wählt zwischen angenehmen und unangenehmen Eindrücken. Man könnte vermuten, dass sie die angenehmen Dinge bevorzugt. Doch oft werden bevorzugt unangenehme Dinge auf die Leinwand geholt. Aufmerksamkeit ändert die Richtung, wird stärker und schwächer, etc.

Unsere Aufmerksamkeit hat nur begrenzte Kapazität: Wir können nicht alles, was um uns, und in uns, vorgeht, wahrnehmen. Ihre Kapazität ist begrenzt. Wir können allerdings im Zeitauflauf, ein Objekt nach dem anderen wahrnehmen. Die Begrenztheit unserer Aufmerksamkeit deutet schon darauf hin, dass Mechanismen für ein Ökonomisierung und Optimierung der Aufmerksamkeit notwendig sind.

Diese Steuerungs- und Regelungsprozess der Aufmerksamkeit laufen kontinuierlich, selbst im Traum. Sie bestimmt, was uns an Sinneseindrücken und an Erinnerungen bewusst wird, oder – um ein Bild zu verwenden - auf unserer inneren Leinwand abgebildet wird.

Überwiegend arbeitet unsere Aufmerksamkeit automatisch. Diese Strukturmuster der Aufmerksamkeit bleiben uns aber meist unbewusst. Doch wir können unsere Aufmerksamkeit auch - im begrenztem Maße - bewusst und willentlich steuern.

Aufmerksamkeit = (bewusste und unbewusste) Steuerung der Wahrnehmung

Aufmerksamkeit bestimmt, was aus der Vielzahl der potentiell wahrnehmbaren Eindrücke ausgewählt und im Bewusstsein dargestellt wird. Die Aufmerksamkeit bestimmt die Wahrnehmung, nämlich „Was ich wahrnehme“.

Aufmerksamkeit und Wahrnehmung sind also unterschiedliche und wechselseitig voneinander abhängige Funktionen: Die Wahrnehmung bestimmt die Aufmerksamkeit in der Weise, dass der gegenwärtig wahrgenommene Inhalt wesentlich Einfluss darauf nimmt, welcher Inhalte als nächstes von der Aufmerksamkeit selektiert wird; und die Aufmerksamkeit bestimmt, auf welches Objekt sich die Aufmerksamkeit richtet, also was wahrgenommen wird, also was Inhalt des Bewusstseins wird. Wir haben also einen zirkulären Prozess, wobei die Aufmerksamkeit der Wahrnehmung zeitlich um Sekundenbruchteile voraus geht.