Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

© h.zell

1.1 Was ist 
Aufmerksamkeit?
1.2 Bewusstsein
und Wahrnehmung 
1.3
 Unbewusstes
1.4 
Steuerung der Wahrnehmung
1.5 Aufmerksamkeit
als prozessuales Gedächtnis 

 

1.2 Bewusstsein und Wahrnehmung 

Wie der Begriff Aufmerksamkeit lässt sich der Begriff Bewusstsein im allgemeinen Sprachgebrauch recht unproblematisch verwenden. Schwierig wird es erst, wenn man versucht, es präzise zu bestimmen: „Etwas Seltsames liegt in der Beschreibung des Bewusstseins: Was immer der Mensch ausdrücken will, er scheint es einfach nicht klar sagen zu können. Es ist nicht so, als wären wir verwirrt oder unwissend. Vielmehr kommt es uns so vor, als wüssten wir genau, was geschieht, könnten es aber nicht richtig beschreiben. Wie kann etwas nur so nahe scheinen und doch immer jenseits unserer Reichweite bleiben?“ (Marvin Minsky)

Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet. Bewusstsein als solches gibt es nicht. Immer ist es mit Objekten verknüpft – mit Gegenständen und Ereignissen der Umwelt oder mit Elementen der inneren Welt. Bewusstsein hat immer etwas ‚im Sinn’. Es gibt also kein Bewusstsein als solches, sondern nur Bewusstsein von etwas.

Doch wir fragen weiter: Wie ist denn der Zusammenhang von dem Ich und dem Bewusstsein? Bin "ich" mein Bewusstsein? Oder ist es nur ein Teil des Ichs? Oder ist gar das Ich nur ein Teil des Bewusstseins? Jemand sagt: „Im Mittelalter hatten die Menschen ein magisches Bewusstsein“. Gemeint ist offenbar, dass die Menschen an Geister und Zauber glaubten. Aber hier kommt ein ganz anderes Verständnis von Bewusstsein zum Ausdruck.

Zwei Grundkategorien lassen sich bei den vielen Definitionen jedoch unterscheiden, zum einen Bewusstsein als Wahrnehmung, zum anderen Bewusstsein als Speicherinhalt.

Wahrnehmungsbewusstsein

Speicherbewusstsein

das was im Moment bewusst ist

Gedächtnisinhalte, die abgerufen werden können

Bewusstsein im Sinne von Wahrnehmung ist das, was einem Menschen zu einem Zeitpunkt bewusst ist, das was er wahrnimmt, also das was er sieht, hört, denkt, riecht und an das, was er sich erinnert.

Vorstellen kann man sich das wie die Bilder, die von einem Projektor auf eine weiße Leinwand geworfen werden. Die Inhalte können von innen aus dem Gedächtnis kommen, oder sie werden durch die Sinnesorgane von außen aufgenommen. Das Bewusstsein selbst ist bei dieser Deutung passiv.  

Das Bewusstsein gleicht einer leeren Leinwand, auf der sich Inhalte zeigen

Die Aufmerksamkeit steuert die Wahrnehmung, und damit das Bewusstsein. Sie entscheidet, was an Reizen und unbewusster Wahrnehmung ins Bewusstsein geholt wird. Insofern ist die Wahrnehmung von der Aufmerksamkeit abhängig. Die Aufmerksamkeit steht damit zeitlich vor Wahrnehmung.

“You can´t be aware that you´ve seen a tree until after you´ve seen the tree, and between the instant of vision and instant of awareness there must be a time lag.

The tree that you are aware of intellectually, because of that small time lag, is always in the past and therefore unreal.

Reality is always the moment of vision before the intellectualization takes place. There is no other reality.

(Pirsig, Robert M., Zen and the Art of Motor Cycle Maintenance, London 1974, S. 241)