Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

© h.zell

1.1 Was ist 
Aufmerksamkeit?
1.2 Bewusstsein
und Wahrnehmung 
1.3
 Unbewusstes
1.4 
Steuerung der Wahrnehmung
1.5 Aufmerksamkeit
als prozessuales Gedächtnis 

 

1.1 Was ist Aufmerksamkeit?

Im Alltag ist unsere Aufmerksamkeit meist unstet, manchmal ziellos, richtet sich mal auf die innere Welt der Erinnerungen und der Gefühle, mal nach Außen. Ruhelos springt sie von einem Objekt zum andern, verweilt dort unterschiedlich lange. Während einer fruchtbaren Arbeitsphase sie sich scharf gebündelt und über lange Zeit auf eine Sache. Dann wieder wird sie zerstreut und sieht alles und nichts.

Die Aufmerksamkeit ist ein eigenartiges Phänomen. Je mehr man über sie nachdenkt, um so verschwommener wird sie.

Eines Tages sagte ein Mann aus dem Volk zu Zen-Meister Ikkyu: "Meister, wollt Ihr mir bitte einige Grundregeln der höchsten Weisheit aufschreiben?" Ikkyu griff sofort zum Pinsel und schrieb: "Aufmerksamkeit". "Ist das alles?" fragte der Mann, "wollt Ihr nicht noch etwas hinzufügen?" Ikkyu schrieb daraufhin zweimal hintereinander: "Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit". "Nun", meinte der Mann ziemlich gereizt, "Ich sehe wirklich nicht viel Tiefes der Geistreiches in dem, was Ihr gerade geschrieben habt." Daraufhin schrieb Ikkyu das gleiche Wort dreimal hintereinander: "Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit". Halb verärgert begehrte der Mann zu wissen: "Was bedeutet dieses Wort ,Aufmerksamkeit' überhaupt?". Und Ikkyu antwortete sanft: "Aufmerksamkeit bedeutet Aufmerksamkeit".

Diese Aussage des Zen-Meisters mag vielleicht seinen Besucher zur Erleuchtung geführt haben, uns als Westler, die wir rational einleuchtende Erklärungen brauchen, hilft diese Aussage wenig.

Die beiden Begriffe Aufmerksamkeit und Bewusstsein entziehen sich der  wissenschaftlichen Analyse. Das wird umso klarer, je länger man sich mit der Thematik beschäftigt. Man steht dann plötzlich vor einem Berg philosophischer Grundsatzfragen, die zwar rüber Jahrhunderte in der abend- und morgenländischen Philosophie diskutiert, aber nie schlüssig und verständlich beantwortet wurden. Man bekommt dann irgendwann auch Zweifel am praktischen Nutzen der Philosophie, der Psychologie oder der Wissenschaftstheorie. Denn tatsächlich ist es nicht damit getan, in einem philosophischen oder psychologischen Lehrbuch die Definition für Bewusstsein und Aufmerksamkeit nachzulesen, sondern das Verständnis für diese Begriffe muss jeder für sich selbst erarbeiten. Die nachfolgenden Seiten sind ein solcher Versuch.

Versuchen wir es mit einer Analogie:

Da ist eine kleine Person. Geschäftig läuft sie im Zimmer rum, kramt mal da, mal da. Dann läuft sie wieder zum Fenster, schaut hinaus, sieht etwas. Sie springt wieder zurück zu seinen Regalen, sucht etwas in den Regalen, beginnt in den Büchern zu blättern, läuft wieder zum Fenster, ruft etwas hinaus. Zurück wieder ins halbdunkle Zimmer, öffnet sie vermoderte Kisten, kramte in staubigen Gegenständen, manche schon sehr zerfallen, kaum erkennbar. Jetzt geht sie wieder zum Fenster, reicht etwas raus, bekommt etwas zurück. Dieses verstaut sie in einer anderen Kiste. Manchmal kramt sie sehr lange in seinen Kisten. Besinnung nennt sie es. Dann versucht sie Ordnung zu schaffen im Zimmer, sortiert um. Packt die Kisten neu. Dabei wirbelt sie viel Staub auf. Mal hält es sich für lange Zeit am Fenster auf, gibt Zeichen nach draußen, spricht, nimmt Dinge herein, reicht anderes hinaus. Die kleine Person stellt die Aufmerksamkeit dar. Das Fenster sind die Sinne, die Regale mit den Büchern repräsentieren das Gedächtnis.

 

Aufmerksamkeit rückt in die öffentliche Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit ist ein wichtiger Rohstoff der Informationsgesellschaft. Sie ist eine knappe Ressource, und weil sie knapp ist, wird sie zu einer Größe, die es mit immer systematischeren Methoden für wirtschaftliche Zwecke nutzbar gemacht wird. Schon ein halbstündiger Blick in den Fernsehapparat zeigt, mit welcher Kreativität und welchem Raffinesse um die Aufmerksamkeit der Zuschauer gerungen wird. Immer stärkere visuelle und auditive Reize flimmern über den Bildschirm, und entlocken dem Zuschauer doch häufig nur ein Gähnen. Doch zweifellos gewinnen die Medien heute einen immer größeren Einfluss auf die öffentliche Aufmerksamkeit. Es sind die Medien, die bestimmen, was wahrgenommen wird - und was nicht. Ereignisse wie das Waldsterben, die BSE-Krise, die Arbeitslosigkeit, die Klimakatastrophe rücken mal ganz in den Vordergrund des öffentlichen Bewusstseins, verlieren ihre Fähigkeit zur Attraktion der Aufmerksamkeit, und werden durch neue Meldungen und neue Bilder ersetzt.

"Ob in der Religion, der Politik, der Werbung oder der asiatischen Kampfkunst - überall versucht man, sich die Kraft der Aufmerksamkeit zunutze zu machen." (Erving Polster)

Obwohl um die Aufmerksamkeit der Menschen mit allen Techniken und Tricks geworben wird, wird sie selbst – eigenartigerweise - nur selten zum Gegenstand der Betrachtung gemacht.

Zur individuellen Aufmerksamkeit finden sich in vielen Disziplinen Aussagen. So etwa von Gerhard Roth mit seinen Untersuchungen zur Neurobiologie, im Konstruktivismus von Glasersfeld, Maturana, Psychologie wie bei Broadbent, Bateson, in der Gestalttheorie sowie in östlichen Weisheitslehren, wie dem Buddhismus, Zen. Auffallend ist die gegenwärtig sich vollziehende Konversion zwischen fernöstlichen Philosophien und moderner Wissenschaft.

In den folgenden Ausführungen steht die individuelle Aufmerksamkeit im Zentrum. Sie steht einen Sekundenbruchteil vor der Wahrnehmung und bestimmt, was wir von dieser Welt sehen - und was nicht.

Begriffe
Attention Awareness Vigilanz
Achtsamkeit Aufmerksamkeit Bewusstsein
Sensibilität Selektivität Wachheit