Interkulturelles Management

2.1 Hofstede, Lokales Denken 2.2 Symbole, Helden .. 2.3 Dimensionen 2.4 Dimensionen 2.5 Kulturschock 2.6 Aufgaben

 

2.1 Hofstede: Lokales Denken, globales Handeln

Grundlage des Buchs von Hofstede sind die Befragungsergebnisse zweier IBM-Studien, die in den Jahren 1968 und 1972 durchgeführt wurden. Weltweit wurden  72 Tochtergesellschaften von IBM  mit insgesamt 116.000 Fragebogen befragt (Hofstede, Geert: Lokales Denken, globales Handeln. Kulturen, Zusammenarbeit und Management, München, 1997, Orginal in Englisch 1991, S.  363).  Hofstede will eine Hilfe im Umgang mit den Unterschieden im Denken, Fühlen und Handeln von Menschen bieten. Es soll zeigen, dass trotz der enormen Vielfalt von Denkweisen eine Struktur in dieser Vielfalt existiert, die als eine Grundlage gegenseitigen Verstehens dienen kann.

Kultur als mentale Programmierung

Jeder Mensch trägt in seinem Innern Muster des Denkens, Fühlens und potentiellen Handelns, die er ein Leben lang erlernt hat. Ein Großteil davon wurde in der frühen Kindheit erworben, denn in dieser Zeit ist der Mensch am empfänglichsten für Lern- und Assimilationsprozesse. Sobald sich bestimmte Denk-, Fühl- und Handlungsmuster im Kopf eines Menschen gefestigt haben, muss er diese erst ablegen, bevor er in der Lage ist, etwas anderes zu lernen; und etwas abzulegen ist schwieriger, als es zum ersten Mal zu lernen.

Unter Verwendung einer Analogie zur Art und Weise, wie Computer programmiert sind, nennt dieses Buch solche Denk-, Fühl- und Handlungsmuster mentale Programme. Das bedeutet natürlich nicht, dass Menschen wie Computer programmiert sind. Das Verhalten eines Menschen ist nur zum Teil durch seine mentalen Programme vorbestimmt: er hat grundsätzlich die Möglichkeit, von ihnen abzuweichen und auf eine neue, kreative, destruktive oder unerwartete Weise zu reagieren. Die Quellen unserer mentalen Programme liegen im sozialen Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind und unsere Lebenserfahrungen gesammelt haben.

Kultur  hat mehrere Bedeutungen; sie sind alle aus seinem lateinischen Ursprung abgeleitet, der das Bestellen des Bodens bezeichnet. Hofstede unterscheidet Kultur 1 und Kultur 2 (Hofstede 1997: 3).

Kultur 1: Kultur im Sinne von Bildung, Kunst und Literatur. Das ist "Kultur im engeren Sinne".

Kultur 2: Kultur als mentale Software bezieht sich jedoch auf eine viel weiter gefasste, unter Sozialanthropologen übliche Bedeutung des Wortes: das ist "Kultur 2".

Kultur = Mentale Software: Sozial- (oder Kultur-) Anthropologie ist die Wissenschaft von den menschlichen Gesellschaften, insbesondere (aber nicht ausschließlich) den traditionellen oder "primitiven". In der Sozialanthropologie umfasst der Begriff "Kultur" all die in den vorherigen Absätzen genannten Denk-, Fühl- und Handlungsmuster. "Kultur zwei" umfasst nicht nur Tätigkeiten, die den Geist verfeinern sollen, sondern auch gewöhnliche und niedrige Dinge des Lebens: Grüßen, Essen, das Zeigen oder Nichtzeigen von Gefühlen, das Wahren einer gewissen physischen Distanz zu anderen, Geschlechtsverkehr oder Körperpflege.

Kultur (2) ist immer ein kollektives Phänomen, da man sie zumindest teilweise mit Menschen teilt, die im selben sozialen Umfeld leben oder lebten, d. h. dort, wo diese Kultur erlernt wurde. Sie ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.

Kultur ist erlernt, und nicht ererbt. Sie leitet sich aus unserem sozialen Umfeld ab, nicht aus unseren Genen. Man sollte die Kultur unterscheiden von der menschlichen Natur einerseits und von der Persönlichkeit eines Individuums andererseits, doch wo genau die Grenzen zwischen Natur und Kultur bzw. zwischen Kultur und Persönlichkeit liegen, ist unter Sozialwissenschaftlern umstritten.

Die menschliche Natur ist das, was allen Menschen gemeinsam ist, vom russischen Professor bis zum australischen Eingeborenen: sie stellt die universelle Ebene in unserer mentalen Software dar. Wir haben sie mit unseren Genen geerbt; in Analogie zum Computer entspricht sie dem "Betriebssystem", das unsere physische - und in den Grundzügen - auch unsere psychische Funktionsweise festlegt. Die menschliche Fähigkeit, Angst, Zorn, Liebe, Freude oder Traurigkeit zu empfinden, das Verlangen nach Gemeinschaft mit anderen, nach Spiel und Bewegung, die Fähigkeit, die Umgebung zu beobachten und mit anderen Menschen darüber zu sprechen, all das gehört zu dieser Ebene mentaler Programmierung. Was man allerdings mit diesen Gefühlen macht, wie man Angst, Freude, Beobachtungen, etc. ausdrückt, wird durch die Kultur bestimmt.


Kultureller Relativismus

Wenn man kulturelle Zusammenhänge untersucht, findet man Gruppen und Kategorien von Menschen, die unterschiedlich denken, fühlen und handeln, aber es gibt keine wissenschaftlichen Normen, anhand derer man eine Gruppe als an sich einer anderen Gruppe überlegen oder unterlegen einstufen könnte. Die Untersuchung kultureller Unterschiede zwischen Gruppen und Gesellschaften setzt eine auf dem Kulturrelativismus basierende Einstellung voraus. Professor Allan Bloom aus den USA warnt in diesem Zusammenhang vor einem kulturellen Relativismus an amerikanischen Universitäten, den er als Nihilismus bezeichnet. Allerdings verwendet er das Wort Kultur im Sinne von Kultur Eins. Claude Levi Strauss, der große Meister der französischen Anthropologie, drückte dies folgendermaßen aus:

"Der Kulturrelativismus begnügt sich mit der Behauptung, dass  keine Kultur über irgendein absolutes Kriterium verfügt, das sie ermächtigte, diese Unterscheidung auf die Hervorbringungen einer anderen Kultur anzuwenden. Umgekehrt kann und muss das jede Kultur, insoweit es sich um sie selbst handelt, denn ihre Mitglieder sind sowohl Beobachter als auch Agierende".

Kulturrelativismus bedeutet weder das Fehlen von Normen für einen selbst, noch für die eigene Gesellschaft. Er fordert jedoch den Verzicht auf vorschnelle Urteile, wenn man mit Gruppen oder Gesellschaften zu tun hat, die sich von der eigenen unterscheiden. Man darf nicht so ohne weiteres die Normen einer Person, Gruppe oder Gesellschaft auf eine andere übertragen. Vor jeder Beurteilung oder Handlung sollte man sich über die Art der kulturellen Unterschiede zwischen Gesellschaften sowie über ihre Ursprünge und Folgen informieren.

Wenn sich der außenstehende Beobachter informiert hat, wird er vermutlich noch immer bestimmte Eigenarten der anderen Gesellschaft missbilligen. Hat er beruflich mit dieser anderen Gesellschaft zu tun, z. B. als Mitarbeiter einer Firma im Ausland oder als Experte in der Entwicklungshilfe, so kann es durchaus sein, dass er Änderungen herbeiführen will. Zu Kolonialzeiten hatten Ausländer häufig absolute Macht in anderen Gesellschaften, und sie konnten ihnen ihre Regeln aufzwingen. In unserer heutigen postkolonialen Zeit müssen Ausländer, die in einer anderen Gesellschaft etwas ändern wollen, über ein Eingreifen verhandeln. Verhandlungen wiederum sind dann erfolgsversprechender, wenn die Beteiligten die Gründe für die Unterschiede in den jeweiligen Standpunkten verstehen.

  Humanistischer Anspruch Ethnozentristische Ideologie
Kultureller Relativismus Verstehend Paternalistisch
Evolutionärer Universalismus Utopisch Kulturimperialistisch
Schöfthaler, Traugott: Kultur in der Zwickmühle, in: Das Argument, 139/1983

Im Grund geht es um die Frage: Sind Kulturen gleichwertig (dass jedem sprachlichen Weltbild jeder kulturellen Lebensform ein unvergleichlicher Begriff von Rationalität innewohnt), oder befinden sie sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Das heißt aber auch, die einen müssen da noch hinkommen, wo die andern schon sind.

Habermas postuliert die universelle Geltung moderner Weltdeutung. Parson (1971): Konzept der "evolutionären Universalien", d.h. sich evolutionär sich durchsetzende Strukturen sozialer Organisation und individuellen Verhaltens durch "demokratische Assoziation" und "Markt". (Schöfthaler)