Entwicklungsökonomie – Grundlagen

2.1 Die Fragestellung 2.2 Klima und Modernisierung 2.3 Kondratieff und Schumpeter 2.4 Religion - Max Weber 2.5 Stufentheorien 2.6 Psychologie

2.6 Psychologische und kulturelle Theorien

Hagen: Theorie des sozialen Wandels

Everett Einar Hagen: On the Theory of Social Change, 1959: Es gibt bestimmte psychologische Voraussetzungen für Übergang zum Wirtschaftswachstum. .. kann nur stattfinden, wenn in der Gesellschaft schöpferische und unternehmerische Persönlichkeiten zur Lösung der im Entwicklungsprozeß anfallenden Probleme vorhanden sind. Ein großer Teil der Bevölkerung muß eine positive Einstellung zu manuell-technischen Arbeit haben, damit sich Energien auf Wirtschaft und Technik und nicht auf Kunst, Philosopie und Krieg richten. Hagen vertritt die Hypothese, daß in traditionellen Gesellschaften (etwa Kindererziehung) die Entstehung von nichtschöpferischen, iniative-armen Persönlichkeitstypen begünstigt. (Knall S. 422)


Entwicklungsnotwendige Einstellungen nach Myrdal

  1. Leistung
  2. Fließ
  3. Ordentlichkeit
  4. Pünktlichkeit
  5. Sparsamkeit
  6. Gewissenhafte Ehrlichkeit
  7. Rationalität
  8. Bereitschaft zur Veränderung
  9. Aufgeschlossenheit für die Möglichkeiten einer im Wandel begriffenen Welt.
  10. Energischer Unternehmungsgeist
  11. Integrität und Selbstvertrauen
  12. Kooperationsbereitschaft
  13. Bereitschaft zur Planung auf lange Sicht

Die Notwendigkeit eines Einstellungswandels wird, obwohl allgemein anerkannt, in der öffentlichen Diskussion heruntergespielt. Die Lebensformen und –standards, die Einstellungen und Institutionen bilden gemeinsam ein komplexes Sozialsystem, das sich nur schwer verändern läßt. (Gunnar Myrdal, Asiatisches Drama, Frankfurt a.M. 1973, S. 46f.)


McClelland, Achievement motivation

Zusammenhang zwischen Leistungsmotivation und wirtschaftlicher Entwicklung: "achievement motivation is in part responsible for economic growth"

"Preliminary evidence that n Achievement in middle-class boys is related to parental encouragement of self-reliance and mastery early in childhood suggested that Max Weber´s hypothesis concerning the influence on the development of capitalism of the Protestant ethic, which encouraged this kind of training, might be considered a specific instance of the more general hypothesis. McClelland´s view is that innovating and risk-taking activities of entrepreneurs are to be viewed as expressions of a strong motive to achieve and not merely a profit motive as traditionally assumed". (International Encyclopedia of the Social Sciences, New York, 1972, Vol. 1, p. 30)

Die Träger der Entwicklung, die Initatoren verfügen über eine extrem hohe Leistungsmotivation. Seine Experimente mit Wahl des Schwierigkeitsgrades.


Lerner: Empathie

Daniel Lerner: The Passing of Traditional Society, 1958: Empathie als persönlichkeitsspezifische Voraussetzung für Entwicklung. Im Gegensatz zur traditionalen, auf keiner Beteiligung beruhenden Gesellschaft setzt die moderne, auf ökonomischer und politischer Beteiligung aufbauende Gesellschaft eine Vielzahl von Individuen voraus, die empathische Fähigkeiten besitzen. (Empathie: sich selbst in die Situation einer anderen Person versetzen können).


"Economy of Affection", Goran Hyden

Hyden, Goran: No Shortcuts to Progress, London u.a. 1983

Peasant mode of production: "There is no structural interdependence bringing them (peasants) into reciprocal relations with each other and leading to the development of the means of production." (p. 6)

Because of the almost total absence of technological interdependence the peasant household does not really depend for ist own reproduction on the contributions by members of another social class." (p. 6)

"..., African countries are societies without a state. The latter sits suspended in ‚mid-air‘ over society and is not an integral mechanism of the day-to-day productive activites of society. (p. 7)

"... the economy of affection, the peculiar type of economy that is apparent in any society where the peasent mode is still surviving.

It must be said from the outset that the economy of affection has nothing to do with fond emotions per se. Rather, it denotes a network of support, communications and interaction among structurally definded groups connected by blood, kin, community or rather affinities, for example religion."" (p. 8)

"Its influence stretches right from the grass-roots to the apex of society." (p. 9)

"It has created one of the most problematic paradoxes in contemporary Africa; the existence of a state with no structural roots in society which, as a balloon suspended in mid-air, is being punctured by excessive demands and unable to function without an indiscriminate and wasteful consumption os scarce societal resources. This paradox, which is clearly discernible throughout sub-Saharan Africa, tends to paralyse society. It prevents African countries from enjoying the fruits of the considerable investments that have been made over the years in developing the continent." (p. 19)


Fukuyama: Familismus, Vertrauen und soziales Kapital

Fukuyama, Francis: Der Konflikt der Kulturen. Wer gewinnt den Kampf um die wirtschaftliche Zukunft. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1997, DM 22,90 (Orginal in Englisch 1995)

Das Buch befaßt sich mit dem Einfluß der Kultur auf das wirtschaftliche Leben und die Gesellschaft. Insbesondere konzentriert es sich auf die miteinander verknüpften Faktoren Vertrauen und soziales Kapital. Vertrauen bezeichnet die innerhalb einer Gesellschaft entstehende Erwartung eines ehrlichen und den Regeln entsprechendes Verhalten, basierend auf gemeinsamen Normen, die von allen Mitgliedern der Gemeinschaft respektiert werden. (S. 43)

Begriff "Soziales Kapital": die Bereitschaft, zur Erlangung allgemeiner Güter in Gruppen und Organisationen zusammenzuarbeiten (S. 25). Die Akkumulation sozialen Kapitals ist jedoch ein komplizierter und in vielen Hinsichten geheimnisvoller gesellschaftlicher Prozeß.(S. 27)

Die Verteilung von sozialen Kapital ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. In manchen Gesellschaften ist die Fähigkeit zur spontanen Assoziation deutlich stärker ausgeprägt als in anderen, und auch die bevorzugten Assoziationsformen differieren. In manchen Gesellschaften sind Familie und Verwandtschaften die primären Assoziationsformen, in anderen spielen freiwillige Assoziationen eine größere Rolle und tragen dazu bei, Individuen aus der Familie herauszulösen. (S. 46)

"Familistische Gesellschaften": Familie und auf Verwandtschaftsbeziehungen basierende Organisationsformen wie Klans oder Stämme bilden den primären (und oft einzigen) Weg zur Soziabilität. (S. 47)

z.B. China: Der Grund für die geringe Unternehmensgröße in chinesischen Gesellschaften ist, daß sich praktisch alle Privatunternehmen im Familienbesitz befinden und von Familien geleitet werden. .. Große, hierarchisch aufgebaute und professionell geführte Publikumsgesellschaften, seit langem die vorherrschende Unternehmensform in Japan und den Vereinigten Staaten, existieren in chinesisch geprägten Gesellschaften im eigentlichen Sinn des Wortes nicht." (S. 97)
Grund: In chinesischen Gesellschaften ist die Neigung sehr stark ausgeprägt, nur Verwandten zu vertrauen; entsprechend groß ist das Mißtrauen, welches Menschen außerhalb der eigenen Familie oder des eigenen Klans entgegengebracht wird. (S. 99)
Der im traditionellen China bestehende Mangel an Pflichtgefühl gegenüber allen Personen und Institutionen außerhalb der Familie manifestierte sich auch in der Autarkie der bäuerlichen Haushalte. (S. 113). (Goran Hyden sieht Ursache-Wirkung umgekehrt: Autarkie der bäuerlichen Haushalte führt zu "Familismus", oder in seinem Begriff, zu "economy of affection".)

 


Axelle Kabou

im-epol8.gif (16878 Byte) Axelle Kabou. Weder arm noch ohnmächtig. Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weisse Helfer, Lenos Verlag, Basel, 1993

Afrika will sich nicht entwickeln. "Der Mythos vom afrikanischen Willen zur Entwicklung scheint drei wesentliche Funktionen zu erfüllen. Erstens wird von vornherein die politische Klasse von jeglichem Verdacht der Inkompetenz reingewaschen, indem man die Aufmerksamkeit der Afrikaner auf ein permanentes internationales Komplott ablenkt; je länger dies andauert, desto mehr Gründe hat die politische Klasse, an der Macht zu bleiben. Zweitens sollen sich die Afrikaner weiter mit Einheitsparteien zufrieden geben, deren Ziele verschwommen sind. und drittens wird eine große Anzahl von Experten mit nie endenden Dienstreisen und Forschungsaufträgen versorgt, deren Zwecklosigkeit, gemessen an der sich verschlimmernden Unterentwicklung, noch nicht einmal hinterfragt wird." S. 30

"Afrika liegt nicht im Sterben, sondern begeht in einer Art kulturellem Rausch, der lediglich moralische Befriedigung hervorbringt, Selbstmord. Die umfangreichen Kapitalspritzen werden daran nichts ändern können. man müßte zunächst die afrikanische Mentalität entgiften, die Uhren richtig stellen und die Menschen in Afrika mit ihrer Verantwortung konfrontieren. Entwicklungshilfe würde bedeuten, dass die Afrikaner ermutigt werden, zunächst die psychologischen Vorbedingungen zu schaffen, damit die Idee des Wandels auf guten Boden fällt."

"Die Afrikaner sind die einzigen Menschen auf der Welt, die noch meinen, dass sich andere als sie selbst um ihre Entwicklung kümmern müssen. Sie sollen endlich erwachen."