Entwicklungsökonomie – Grundlagen

2.1 Die Fragestellung 2.2 Klima und Modernisierung 2.3 Kondratieff und Schumpeter 2.4 Religion - Max Weber 2.5 Stufentheorien 2.6 Psychologie

2.4 Max Weber "Die protestanische Ethik und der Geist des Kapitalismus"

Dieses Werk wurde 1904 veröffentlicht. Seine These lautet, daß der Protestantismus den Aufstieg des modernen Kapitalismus befördert habe. Der Protestantismus habe das nicht etwa dadurch geschafft, daß er die der freien Entfaltung wirtschaftlicher Aktivitäten des römisch-katholischen Glaubens abgeschwächt oder abgeschafft habe (etwa Verbot der Wucherei), sondern vielmehr dadurch, daß er zum Schöpfer einer dem wirtschaftlichen Erfolg förderlichen Alltagsethik geworden sei.

Ausgangspunkt hierfür war laut Weber die Prädestinationslehre des kalvinistischen Protestantismus. Ihr zufolge konnte niemand Erlösung durch den Glauben oder durch Werke erlangen; die Frage des Seelenheils hatte Gott für jederman bereits vorweg entschieden, und nichts konnte daran mehr etwas ändern.

"Gottes Gnade ist, da seine Ratschlüsse unwandelbar feststehen, ebenso unverlierbar für die, welchen es sie zuwendet, wie unerreichbar für die, welchen er sie versagt. In ihrer pathetischen Unmenschlichkeit mußte diese Lehre nun für die Stimmung einer Generation, die sich ihrer grandiosen Konsequenz ergab, vor allem eine Folge haben: das Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des einzelnen Individuums. In der für die Menschen der Reformationszeit entscheidensten Angelegenheit des Lebens: der ewigen Seligkeit, war der Mensch darauf verwiesen, seine Straße einsam zu ziehen, einem von Ewigkeit her feststehenden Schicksal entgegen." (Max Weber, Die protestantische Ethik..., München - Hamburg 1965, S. 122; zuerst erschienen 1904)

Ein solcher Glaube hätte leicht einer fatalistischen Einstellung Vorschub leisten können. Wenn das Verhalten und der Glaube keine Rolle spielten, warum dann nicht leben, wie es einem gefiel? Wozu ein gutes Leben führen? Das Motiv zur guten Lebensführung lag dem Kalvinismus zufolge darin, daß sie ein überzeugender Beweis der Erwähltheit war. Jederman konnte erwählt sein, aber es lag nahe anzunehmen, daß die meisten der Erwählten durch ihren Charakter und ihre Lebensweise das Schicksal anzeigten, das ihnen beschieden war. Diese indirekte Bestätigung bildete eine machtvollen Ansporn zu gottgefälligen Gedanken und Verhaltensweisen.

Weber hob hervor, daß Ziel des guten Kalvinisten nicht der Reichtum ist. Wohl aber fiel es dem guten Kalvinisten leicht zu glauben, daß ehrlich erworbener Reichtum ein Zeichen der göttlichen Gnade sei." (Landes, David, S.: Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind, Siedler Verlag, Berlin 1999, S. 195)

"Der Calvinismus lehrte, daß wir – das es schon durch die Gnadenwahl vorherbestimmt wurde, ob wir erlöst oder verdammt werden sollten – nichts tun können, um unser Schicksal zu ändern. Immerhin gab der Calvinismus dem Individuum keine Handhabe, um zu wissen, ob es eine glückliche oder unglückliche Nummer zog. Er sorgte für ein genügend starkes Interesse, steigerte die Hoffnung auf Erlösung und linderte die Furcht vor der Verdammnis, wenn der Mensch sich so benahm, wie sich jedenfalls eher ein Auserwählter als ein Verworfener benimmt." Bernard Shaw, Haus Herztod, Suhrkamp Frankfurt am Main, 1971, S. 14 (Orginal 1919 in London)

Siehe zu Max Weber auch: Fukuyama, Francis: Der Konflikt der Kulturen. Wer gewinnt den Kampf um die wirtschaftliche Zukunft. München 1997, S. 63ff.

Auszug aus Max Horkheimer. Vernunft und Selbsterhaltung (1942):

"Der Protestantismus war die stärkste Macht zur Ausbreitung der kalten, rationalen Individualität. Vorher wurde im Bild des Kreuzes das Zeichen zugleich noch als Marterwerkzeug sinnlich unmittelbar angeschaut. Die protestantische Religiosität aber ist bilderfeindlich. Sie hat das Marterwerkzeug als unvertilgbaren Antrieb in die Seele des Menschen gesenkt, unter dem er nun die Werkzeuge der Aneigung von Arbeit und Lebensraum produziert. Die schlechte Verehrung der Dinge ist gebrochen und das Kreuz verinnerlicht, aber die Weltlichkeit, die dafür erstand, ist nun erst recht von den Dingen abhängig. Anstelle der Werke um der Seligkeit willen trat d as Werk um des Werkes, der Profit um des Profits, die Herrschaft um der Herrschaft willen ; die ganze Welt wurde zum bloßen Material. (...) Auch die protestantische Religion mag das Opium des Volkes gewesen sein, aber ein Opium, durch das es jenen vom Rationalismus verordneten Eingriff ertragen hat: die industrielle Revolution an Leib und Seele. Von Leonardo führte kein anderer Weg zu Henry Ford als der über die religiöse Introversion. Sie erzeugte den maschinenhaften Fleiß und die lenkbare Solidarität, wie sie auch im Sinne der weitgespannten ratio lagen, deren Anforderungen die Kräfte der Menschen überstiegen. (...) Elend und qualifizierte Todesstrafen allein reichten nicht aus, die Arbeiter zum Fortschritt ins Industriezeitalter anzutreiben. Mittels der erneuerten Religion wurde der Schrecken durch die Sorge um Weib und Kind ergänzt, in welcher die moralische Selbständigkeit des verinnerlichten Subjektes eigentlich besteht."