Einleitung

Ökonomische Methoden auf Paarbeziehungen anwenden zu wollen, erscheint seltsam, ja geradezu ketzerisch. In einer Welt, wo alles von Ökonomie und kaltem Nutzenkalkül bestimmt ist, sollte es doch einen geschützten Bereich geben, der von Liebe, Zuneigung und Vertrauen geprägt ist. Schon allein der Gedanke, dass die Partner nach ökonomischen Kriterien handeln könnten, gilt gemeinhin als Hinweis auf eine gestörte Beziehung. Der Ökonom mit seinen Theorien und Methoden scheint fehl am Platz. Zugegeben, eine Beziehung ist mehr als der Austausch von Leistungen. Es geht um Liebe, Vertrauen, Sexualität, Bindung, manchmal auch um Angst vor dem Alleinsein, alles Dinge, die sich nur schwer mit ökonomischen Größen erfassen lassen. Trotzdem meine ich, dass ökonomische Überlegungen in der Paarbeziehung eine wichtige Rolle spielen. Da aber Beziehung und Partnerschaft gegenwärtig ökonomisch unkundigen Psychologen und Therapeuten überlassen bleiben, wird diese Perspektive ausgeblendet. Mein Anliegen als Ökonom ist es nicht, zu den Sichtweisen und Methoden der Psychologie und Paartherapie in Konkurrenz zu treten, sondern diese um die wichtige ökonomische Perspektive zu ergänzen.

Im ersten Teil (Kapitel 1 – 7) behandle ich die ökonomischen Mechanismen. Im Vordergrund steht dabei die Frage, welche Überlegungen und Bewertungen in den Austauschprozessen des Paares vor sich gehen. Ich will hier belegen, dass die Wirtschaftswissenschaft mit ihrem Instrumentarium einen Beitrag zur Erklärung gängiger Phänomene in Beziehungen leisten kann. Die Marktwirtschaft und die Partnerschaft haben eine Menge gemein: Beide Male geht es um den Tausch von Gütern und Dienstleistungen, ihre Bewertung und das gegenseitige Abwägen der Tauschwerte. Ich werde also versuchen nachzuweisen, dass ökonomische Nutzenkalküle in der Paarbeziehung eine große Rolle spielen, und die dabei typischen Mechanismen und Konfliktfelder aufzeigen. Zwar geht es bei Paarkonflikten auch um Geld. Das ist jedoch nur ein Teilbereich beim gegenseitigen Geben und Nehmen. Noch eine Anmerkung: Nicht betrachtet habe ich den Heiratsmarkt mit seinen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, da dies ein anderes Thema ist.

Das Paar lebt in der Geldwirtschaft, doch anders als dort gibt es innerhalb der Beziehung keine Zahlungsvorgänge. Dorthin konnte die Marktwirtschaft noch nicht vordringen. Das Paar bildet eine der letzten Oasen im Meer des Kapitalismus, die letzte Bastion, die sich bisher der kapitalistischen Integration entzogen hat. Vorab sei schon gesagt, dass ich weder dafür plädiere, kapitalistische Mechanismen in die Paarbeziehung einzuführen noch schlage ich vor, zukünftig jedes Geben und Nehmen detailliert zu notieren und kleinkarierte Verhandlungen zu führen.

Ich werde ganz allgemein die Frage behandeln, was Liebe mit Ökonomie zu tun hat. Zwei alternative Annahmen sind hier denkbar:
These 1: Liebe ist dann, wenn ökonomische Überlegungen keine Rolle spielen. Das ist die romantische Liebe, die schon von den Minnesängern des Mittelalters und bis heute in Schlagern und Pop-Musik besungen wird.
These 2: Liebe ist dann, wenn beide Partner der Ansicht sind, dass in der Paarbeziehung beim Geben und Nehmen ein hohes Maß an Ausgeglichenheit herrscht.

Ich werde versuchen, in diesem Buch darzulegen, dass These 2 einen größeren Wahrheitsgehalt hat. Es ist für die Beziehung besser, wenn die beiden Partner um diese Mechanismen wissen und sich um einen Ausgleich bemühen, als wenn sie von der unzutreffenden Annahme ausgehen, in der Partnerschaft geschehe alles aus Selbstlosigkeit und Liebe.

Während der erste Teil die recht komplizierten Austauschprozesse darstellt und analysiert, werde ich mich im zweiten Teil (Kapitel 8 – 9) damit beschäftigen, welche Erkenntnisse und Empfehlungen sich aus diesen Überlegungen für die Praxis ableiten lassen. Wenn die beiden Partner begreifen, dass zwar nicht alle, aber viele Konflikte in der Beziehung mit den objektiv gegebenen Schwierigkeiten dieses recht komplizierten Austauschprozesses zu tun haben, könnten sie versuchen, diese auf dieser Ebene zu lösen. Möglicherweise gelingt es dann, das wechselseitige Geben und Nehmen harmonischer zu gestalten.
Es erfolgen keine Ratschläge im Sinne: Tun Sie das und jenes und Ihre Beziehung wird sich rasch verbessern. Im Vordergrund stehen Gedankenanstöße. Ein Ergebnis vorab: Man wird die Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten auf dieser Ebene der Paarbeziehung aushalten und gleichzeitig daran arbeiten müssen, mit ihnen schrittweise besser zu Recht zu kommen. Bewerten, Abgleichen und Verhandeln in der Paarbeziehung bleibt schwierig. Es kommt allerdings darauf an, diese Verhandlungen konstruktiv zu führen.
Für wen ist dieses Buch nützlich und interessant? Zuallererst für Menschen in Paarbeziehungen, wobei das Buch kein Ratgeberbuch im üblichen Sinn darstellt. Es mag auch für Psychotherapeuten, insbesondere für Paartherapeuten nützlich sein, indem die hier vorgestellten ökonomischen Mechanismen der Paarbeziehungen eine zusätzliche Perspektive vermittelt. Und das Buch wird sicherlich auch das Interesse des einen oder anderen Ökonomen finden.